Dienstag, 01. Aug '06 - vergangene behausungen

Fast hätte ich es übersehen, dieses wunderbare Ablenkthema, das Melody schon vor fast 14 Tagen in den virtuellen Raum warf.

Meine erste Behausung außerhalb der elterlichen Wohlbehütetheit war ein 12-Quadratmeter-Zimmer in Gießen. Es war teilmöbliert mit einem grausigen orangefarbenen Monster von Schreibtisch und einem Schrank, wenn ich mich recht erinnere. Außerdem enthielt es ein Waschbecken, denn die Duschen waren im Keller und das Klo eine halbe Treppe weiter unten. Das Haus war so eine Art privates Studentenwohnheim, das ein findiger Vermieter aus einem eigentlich ganz schönen Altbauhaus gemacht hatte. Ich teilte mir eine ehemalige 3-Zimmer-Wohnung mit zwei weiteren Studentinnen. Ebenso teilten wir Kühlschrank und Telefon auf dem Flur. Gekocht habe ich auf zwei Elektroplatten neben dem Waschbecken. Das Zimmer lag über einer Kneipe, dem Klimbim im Riegelpfad. Ich zog dort zum Studienbeginn mit 19 ein und habe dieses Loch geliebt, denn es war meine erste eigene Bleibe nach dem Elternhaus. Als nachteilig erwies sich, dass es ein Fenster zur Ostseite hatte. Denn im Sommersemester nahm ich die eine oder andere Feier mit, die mich erst im Morgengrauen wieder nach Hause ließ. Der gesunde Vormittagsschlaf war jedoch mit greller Sonne auf dem Kopf etwas schwierig.

Die nächste Bude folgte schon ein knappes Jahr später, da ich die Idee hatte, dass es zu zweit irgendwie lustiger sein könnte. So bezog ich also 1988 mit T., der neuen und bald besten Freundin eine 2-Zimmer-Wohnung in der Gießener Bahnhofstraße. Dort war es laut und lebhaft, das passte also perfekt zu uns. Die Bude hatte ein Winz-Bad und die Dusche in der Küche, was zur vorigen Wohnung schon einen riesigen Komfortzuwachs bedeutete.

Die Bahnhofstraße entwickelte sich in der Folge zur Partyschaltzentrale und wir bewiesen mehrfach, dass man auf 48 Quadratmeter locker 60 bis 70 Leute packen kann, wenn nur die Musik laut genug ist. Oft kamen wir nachmittags von der Uni zurück und es saß schon jemand vor der Tür, der auf einen Kaffee vorbeigekommen war. Auch im Haus war die Stimmung gut, direkt nebenan wohnten zwei Kumpels, die schonmal morgens im Pyjama zum Frühstück vorbeigeschlurft kamen. Hauptsächliche Ernährungsgrundlage war damals Äppler und das billige Gemüse vom türkischen Händler am Ende der Straße.

Dann gingen wir zusammen ins Auslandssemester nach Leicester. Dort hausten wir in einer Studentenwohnanlage, die aus Reihenhäuschen für jeweils 10 Leute bestand (nach Geschlechtern getrennt, versteht sich). T. wohnte im Haus gegenüber. In meinem Haus wohnten 4 Mädchen aus Singapur und 2 aus Malaysia, die ich erst nach Wochen unterscheiden und nach Monaten verstehen konnte, eine Inderin, eine Afrikanerin, die verrückte Schottin Lorna und ich Provinzmaus. Das Zimmer hatte 10 Quadratmeter und war grausig. Aber für ein halbes Jahr ging es. Im Haus neben T. wohnten diverse griechische Zyprioten, ein paar Palästinenser und ein Belgier. Ein paar Häuser weiter hatte irgendein Scherzkeks in der Wohnheimverwaltung 9 Palästinenser und einen Israeli in einem Haus einquartiert. Der Israeli zog dann bald in ein anderes Haus um.

Nach dem Auslandssemester zog T. aus (es wurde ihr zu laut in der Bahnhofstraße, vor allem die Disco und eine Dauerbaustelle machten sie verrückt) und L. zog ein. Auch das war eine lustige Zeit, aber nach dem Vordiplom wurde es mit dem Studium so langsam ernster und weniger feierintensiv. 1991 ging ich für ein halbes Jahr nach Rom und wohnte dort in einer großen Wohnung am Stadtrand zusammen mit zwei Römerinnen und einer Mexikanerin. Das war ein typisches italienisches Mietshaus, die Wohnung mit Fliesenboden und diesen grünen Fensterläden. Für studentische Verhältnisse war das geradezu luxuriös, denn die Wohnung gehörte den Eltern einer der beiden Römerinnen. Das Zimmer kostete auch so viel wie unsere komplette Wohnung in Gießen. Theoretisch hatte ich ein Einzelzimmer, aber in der Praxis hatte ich dauernd Besuch. Ein wunderbares halbes Jahr war das.

Aus Rom zurück, zog ich wieder in die Bahnhofstraße ein (das Zimmer hatten wir zwischenvermietet) und bewältigte dort tatsächlich meinen Studienabschluss. 1994 zog ich nach Frankfurt, in meine wirklich erste eigene Wohnung, für die ich die Miete selbst bezahlte (was damals etwa die Hälfte meines Nettoverdienstes auffraß). Zur Wohnungssuche in Frankfurt schrieb ja Ines schon so Einiges – kurz: Es war ziemlich entwürdigend. Ich zog also in ein Hinterhaus im Gallusviertel ein. „Uäh“ werden Frankfurter sagen, aber ich wohnte im erträglichen Teil diesseits der Galluswarte, und irgendwie mochte ich dieses alte Arbeiterviertel gern, das im Volksmund „Kamerun“ heißt, weil wohl früher die Arbeiter mit dreckschwarzen Gesichtern von der Arbeit nach Hause gingen. Die Wohnung war nett, 2 Zimmer, 46 Quadratmeter für mich allein. Ich fand es herrlich. Die Küche ein Schlauch, der verstopfte, wenn man die Kühlschrank- oder Backofentür öffnete.

1997 folgte dann der Aufstieg in eine 4-Zimmer-Wohnung im Frankfurter Nordend. Die erste gemeinsame Wohnung mit dem Liebsten im hässlichsten Haus der Straße, was den Vorteil hatte, dass man es nicht angucken musste (drumherum standen mehrheitlich hübsche Altbauten). Das Nordend war damals das ideale Viertel für Yuppies wie uns, denn auch bei ewig leerem Kühlschrank sorgten die umliegenden Kneipen immer für ein wohlig gefülltes Bäuchlein. Nervig war die Parkplatzsuche, aber nach 4 Jahren täglichen Kreisens war ich die Einparkkönigin.

2001 dann der Umzug nach Leipzig in eine Wohnung, die nicht nur quadratmeter- sondern auch kubikmetermäßig mindestens doppelt so groß wie die Frankfurter Bude aus den 50er-Jahren war: Hohe Decken, Stuck, Parkett – ein Traum zu einer geradezu lächerlichen Miete von 5 Euro pro Quadratmeter. Wohlsituiert im Villenviertel, sehr schön, aber irgendwie auch sehr langweilig. Wären wir nicht aus Leipzig weggezogen, hätten wir uns sicher innerhalb der Stadt nach einem lebhafteren Umfeld umgesehen.

Jetzt Heidelberg, wieder im Arbeiterviertel. Ein Glücksfall von Altbauwohnung mittendrin im Leben, mit 28 Quadratmetern Terrasse zum Hinterhof. Wüsste nicht, wo ich lieber wohnen würde.

Um zur Frage nach den Umzugsgründen zurückzukommen: Es waren eigentlich fast immer Ortswechsel. Zweimal war es wegen des Zusammenziehens mit einem anderen Menschen. Gute Gründe, finde ich.


danke :-)

Melody (URL) - Dienstag, 01. August '06 - 18:12


Ich danke auch. Für diesen wunderbaren Bericht und gleichzeitig für den Hinweis auf Melodys Beitrag. Der ist mir nämlich urlaubsbedingt durch die Lappen gegangen. Und dann danke ich noch für die Idee. Endlich weiß ich, was ich mal wieder längeres bloggen könnte. Mach ich dann mal demnächst. :-)

Biggi () (URL) - Dienstag, 01. August '06 - 20:31


ich danke auch für die idee. ich glaube, so was langes hab ich noch nie gebloggt ;-).

aboese () (URL) - Dienstag, 01. August '06 - 22:00


Unsereins hat sich 10qm noch mit einem Komilitonen geteilt. Ja, das geht. Doppelstockbett, zwei kleine Tische, zwei Schränke, zwei Stühle. Fünf volle Jahre lang.

T.M. () (URL) - Donnerstag, 03. August '06 - 08:26


heul doch! ;-)

aboese () (URL) - Donnerstag, 03. August '06 - 09:23



  
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